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Drei Jahre nach der Credit Suisse: Lehren aus der Krise ziehen – aber zuerst die Aufsicht selbst reformieren

Drei Jahre nach der Credit Suisse: Lehren aus der Krise ziehen – aber zuerst die Aufsicht selbst reformieren

Mittwoch, 25 März 2026

Eine Stellungnahme zur Rede von Marlene Amstad an der SFAA-Mitgliederveranstaltung vom 9. März 2026

Marlene Amstad hat am 9. März 2026 in Zürich eine klare und mutige Bilanz gezogen. Drei Jahre nach der Übernahme der Credit Suisse durch die UBS fordert die FINMA-Präsidentin drei zentrale gesetzliche Neuerungen: Bussenkompetenz für schwere Aufsichtsrechtsverletzungen, ein Verantwortlichkeitsregime (Senior Manager Regime) und deutlich mehr Enforcement-Transparenz. Sie betont zu Recht: „Die Diskussion ist dabei schon längst nicht mehr rein technisch. Sie ist auch politisch und durchaus kontrovers. Genau das ist richtig so.“ Als FINMA-reguliertes Institut begrüssen wir diesen offenen, politischen Diskurs ausdrücklich. Denn wie unser Finanzplatz in 10 oder 15 Jahren aussehen wird, entscheidet sich tatsächlich heute.

Amstads Kernbotschaft ist nachvollziehbar: Prävention beginnt mit den richtigen Anreizen – nicht nur mit mehr Kapital und Liquidität, sondern vor allem mit Verantwortung, Governance und Kultur. Die Diagnose zur Credit Suisse (jahrelanges Missmanagement, fragwürdige Risikokultur, Fehlanreize) teilen wir. Auch die Forderung, dass schwere Regelverstösse spürbare Konsequenzen haben müssen und dass die Öffentlichkeit darüber informiert werden darf, ist grundsätzlich richtig. Dennoch drängt sich aus Sicht der regulierten Praxis eine zentrale Frage auf: Sollten wir der FINMA wirklich neue, schärfere Instrumente in die Hand geben, bevor sie selbst ihre bestehenden Aufgaben effizienter, transparenter und verhältnismässiger erfüllt?

1. Bussenkompetenz: Sinnvoll – aber nur bei einer reformierten FINMA

Eine gesetzliche Bussenkompetenz würde internationalen Standard herstellen und eine klare Signalwirkung entfalten. Das ist unbestritten. Gleichzeitig wäre es naiv zu ignorieren, dass die FINMA heute bereits sehr aktiv ist: Im Schnitt zwei bis drei Enforcement-Abklärungen pro Tag. Wer mehr Macht will, muss zuerst zeigen, dass er die vorhandene mit Augenmass einsetzt.

Voraussetzung für jede zusätzliche Sanktionskompetenz muss daher sein:

  • Vollständige Transparenz über Kosten und Enforcement-Fälle gemäss Öffentlichkeitsprinzip – ohne dass sich die FINMA pauschal hinter Art. 14 FINMAG als Schutzschild zurückzieht.
  • Konsequente Anwendung des Verhältnismässigkeitsprinzips – nicht nur auf dem Papier, sondern in der Praxis. Rundschreiben und Verordnungen dürfen das gesetzliche Mass nicht aushebeln.

Erst wenn die FINMA ihre eigenen Kostenstrukturen und Verfahren nachvollziehbar erklärt und Effizienzsteigerungen nachweist, kann über eine Ausweitung der Sanktionsmacht seriös diskutiert werden. Sonst droht genau das Gegenteil dessen, was Amstad will: falsche Anreize und Over-Enforcement.

2. Verantwortlichkeitsregime: Ja zur persönlichen Haftung – aber risikobasiert und proportional

Ein schlankes, prinzipienbasiertes Senior Manager Regime kann Governance verbessern und das „niemand war zuständig“-Problem entschärfen. Gerade bei Grossbanken ist klare persönliche Verantwortung überfällig – bis hin zu Berufsverbot und strafrechtlichen Konsequenzen für Führungsversagen. Die Credit Suisse hat gezeigt: Bei systemrelevanten Instituten müssen die Verantwortlichen spürbar haften.

Gleichzeitig muss das Regime verhältnismässig bleiben. Bei kleineren und mittleren Instituten (insbesondere Vermögensverwaltern) sind Entscheidungswege kurz und Verantwortung ohnehin direkt beim Inhaber bzw. der Geschäftsleitung verankert. Hier drohen redundante Dokumentationspflichten und Bürokratie ohne zusätzlichen Nutzen. Die FINMA hat selbst ein Kleinbanken- und Kleinversicherungsregime eingeführt – dieser risikobasierte und proportionale Ansatz muss auch beim Verantwortlichkeitsregime konsequent gelebt werden. Weniger Papier, dafür echte Konsequenzen bei echten Fehlern.

3. Enforcement-Transparenz: Konsequent nach allen Seiten

Die Forderung nach mehr Transparenz über abgeschlossene Enforcement-Verfahren ist richtig und liberal. Der Markt – und damit auch wir Analysten und Investoren – lernt aus publizierten Fällen. Die Schweiz ist hier tatsächlich eine Ausnahme: Während andere Finanzplätze 95–100 % ihrer Verfahren publizieren, liegt die Quote bei uns bei rund 7 %.

Transparenz muss jedoch zweiseitig sein. Wenn die FINMA von den Marktteilnehmern volle Offenlegung verlangt, muss sie selbst bei Kosten, Verteilerschlüsseln, AO-Strukturen und den tatsächlichen Folgen von Enforcement-Fällen (inklusive Namen der verantwortlichen Personen und wer die Kosten letztlich trägt) mit gutem Beispiel vorangehen. Nur so entsteht echtes Vertrauen und echte Lernwirkung – statt selektiver Transparenz als Machtinstrument.

4. Strukturelle Schwächen der Aufsicht selbst

Amstad spricht viel von Corporate Governance bei den Banken. Das ist wichtig. Mindestens ebenso wichtig ist aber die Governance der Aufsicht selbst. Die FINMA beschäftigt heute überdurchschnittlich viele Juristen und relativ wenige Branchenexperten mit operativer Erfahrung. Komplexe Finanzmechanismen lassen sich jedoch nicht allein mit Paragrafen verstehen. Wie Amstad selbst sagt: „Anstand kann man nicht regulieren – aber man kann ihn lernen.“ Das gilt auch für die Aufsicht: Mehr Juristen backen keinen besseren „Kuchen“. Was die FINMA braucht, ist eine grundlegende Revision ihrer Strukturen, Prozesse und Anreize – bevor auch nur ein Komma an neuen Kompetenzen hinzukommt.

Besonders dringend: Ein Verwaltungsrat, der die Kostenentwicklung in den eigenen Reihen kritisch unter die Lupe nimmt und nicht hinter Paragrafen Schutz sucht. Die massive Kostensteigerung der letzten Jahre bei gleichzeitig spürbarer Kritik an der Aufsichtsqualität muss erklärt und korrigiert werden. Sonst wird jede zusätzliche Befugnis zum strukturellen Fehler.

Fazit: Zuerst die Hausaufgaben machen

Wir teilen die Diagnose von Marlene Amstad weitgehend. Die Credit Suisse war kein reines Kapital-, sondern vor allem ein Führungs- und Kulturproblem. Die richtige Antwort ist jedoch nicht „mehr vom Gleichen“ für alle, sondern gezielte, verhältnismässige und transparente Massnahmen – beginnend bei der Aufsicht selbst.

Ein starker Schweizer Finanzplatz braucht eine starke, effiziente und vertrauenswürdige FINMA. Dazu muss diese zuerst ihre eigene Transparenz, Effizienz und Verhältnismässigkeit unter Beweis stellen. Erst dann können wir seriös über zusätzliche Befugnisse sprechen. Denn nur wenn Risiko und Verantwortung symmetrisch verteilt sind – bei den Banken und bei der Aufsicht – wirkt Marktdisziplin wie vorgesehen.

Regulierung ist kein Selbstzweck. Sie muss messbar zur Stabilität beitragen – nicht zur Komplexität.“

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